Die Tür hinter dem Schrank

Marie hatte nie verstanden, warum der alte Kleiderschrank im Schlafzimmer ihrer Großmutter nicht bewegt werden durfte.

Er stand dort, seit sie denken konnte.

Dunkles Holz.
Zwei schwere Türen.
Ein Messinggriff, der an einer Stelle blank gerieben war.

Als Kind hatte Marie sich oft darin versteckt. Zwischen Mänteln, die nach Lavendel und kalter Luft rochen. Zwischen alten Kleidern, die ihre Großmutter nie trug, aber auch nie weggeben wollte.

Einmal, sie musste acht gewesen sein, hatte sie versucht, den Schrank von der Wand wegzuschieben.

Nur ein Stück.

Nur um zu sehen, ob dahinter vielleicht eine Maus lebte oder ein vergessenes Spielzeug lag.

Ihre Großmutter hatte sie damals zum ersten und einzigen Mal wirklich angeschrien.

„Fass diesen Schrank nie wieder an.“

Marie hatte sich erschrocken.

Nicht wegen der Lautstärke.

Sondern wegen der Angst in der Stimme ihrer Großmutter.

Danach hatte niemand mehr darüber gesprochen.

In dieser Familie wurde vieles nicht besprochen.

Man stellte Blumen auf Gräber, backte Kuchen für Sonntage und sagte Sätze wie: „So war das eben.“ Oder: „Man muss auch nach vorne schauen.“

Aber nach vorne schauen bedeutete oft nur, dass alle gemeinsam an dem vorbeigingen, was hinter ihnen lag.

Als Marie fünfunddreißig war, starb ihre Großmutter.

Nicht plötzlich.

Nicht dramatisch.

Sie schlief an einem Dienstagmorgen ein, während draußen die Müllabfuhr durch die Straße rumpelte und im Radio leise der Wetterbericht lief.

Marie fand sie später im Sessel am Fenster.

Die Hände im Schoß.
Die Strickjacke ordentlich zugeknöpft.
Das Gesicht ruhig, fast streng, als hätte sie selbst den Tod gebeten, keine Unordnung zu machen.

Nach der Beerdigung blieb das Haus.

Ein kleines Reihenhaus mit knarrender Treppe, vergilbten Gardinen und einem Garten, in dem die Rosen auch dann noch wuchsen, wenn sich niemand um sie kümmerte.

Maries Mutter sagte, sie könne das Ausräumen nicht.

„Ich schaffe das nicht“, sagte sie am Telefon. „Du weißt ja, wie sie war.“

Marie wusste es nicht.

Nicht wirklich.

Sie kannte ihre Großmutter als Frau, die Pflaumenkuchen buk, ohne ein Rezept zu brauchen. Die immer Taschentücher in der linken Manteltasche hatte. Die Geburtstage nie vergaß und trotzdem selten „Ich hab dich lieb“ sagte.

Aber es gab auch diese andere Seite.

Die verschlossenen Schubladen.
Die abgebrochenen Gespräche.
Das kurze Schweigen, wenn jemand den Namen ihres Großvaters erwähnte.

Und dieser Schrank.

Am Samstagmorgen stand Marie allein im Schlafzimmer.

Draußen regnete es.

Der Regen lief in dünnen Linien über die Fensterscheibe, und das Zimmer roch noch immer nach ihrer Großmutter. Nach Seife, Lavendel und dieser alten Holzpolitur, die alles sauber erscheinen ließ, auch wenn darunter etwas faulte.

Marie begann mit den Nachttischen.

Taschentücher.
Eine Lesebrille.
Alte Quittungen.
Ein Kalender aus dem Vorjahr, obwohl ihre Großmutter nie Termine vergaß.

Im Kleiderschrank hingen Mäntel, Blusen, zwei schwarze Kleider und ein blauer Rock, den Marie noch von Familienfeiern kannte.

Sie nahm alles heraus.

Langsam.

Vorsichtig.

Als könne sie dadurch verhindern, dass die Vergangenheit zu viel Staub aufwirbelte.

Als der Schrank leer war, sah er plötzlich größer aus.

Schwerer.

Unverschämter.

Marie stand davor und erinnerte sich an den Satz ihrer Großmutter.

Fass diesen Schrank nie wieder an.

Sie legte beide Hände an die Seite des Möbelstücks und drückte.

Der Schrank bewegte sich nicht.

Nicht einmal ein bisschen.

Sie drückte stärker.

Nichts.

Erst als sie sich hinkniete, sah sie warum.

Der Schrank war an der Wand befestigt.

Nicht einfach gegen Umkippen gesichert, wie man es bei Möbeln macht.

Er war richtig verschraubt.

Vier lange Schrauben, tief ins Holz gesetzt, teilweise überstrichen, als hätte jemand gewollt, dass niemand sie bemerkte.

Marie holte aus der Küche einen alten Werkzeugkasten.

Die erste Schraube ließ sich kaum lösen. Die zweite quietschte so laut, dass Marie zusammenzuckte. Bei der dritten rutschte sie ab und schlug sich den Knöchel an.

„Na komm schon“, murmelte sie.

Die vierte Schraube gab nach.

Der Schrank ächzte, als Marie ihn von der Wand wegzog.

Nur ein paar Zentimeter zuerst.

Dann noch ein Stück.

Hinter dem Schrank war keine Tapete.

Dort war eine Tür.

Sehr schmal.
Sehr niedrig.
Fast wie eine Kammer.

Das Holz war dunkel gestrichen, und dort, wo eine Klinke hätte sein sollen, saß nur ein kleines rundes Schloss.

Marie blieb auf dem Boden sitzen.

Sie starrte die Tür an.

Nicht, weil sie überrascht war, dass es sie gab.

Sondern weil ein Teil von ihr das Gefühl hatte, schon immer gewusst zu haben, dass hinter diesem Schrank nicht einfach nur Wand sein konnte.

Sie suchte nach einem Schlüssel.

In den Schubladen.
In den Taschen der Mäntel.
In den alten Dosen auf dem Küchenschrank.

Nichts.

Erst am Nachmittag fand sie ihn.

Nicht im Schlafzimmer.

Sondern in der Nähkiste ihrer Großmutter.

Ganz unten, unter Garnrollen, Knöpfen und einem zusammengefalteten Stück Stoff, lag ein kleiner Schlüssel aus dunklem Metall.

Daran hing ein vergilbtes Etikett.

In der Handschrift ihrer Großmutter stand nur ein Wort:

Nicht.

Marie hielt den Schlüssel lange in der Hand.

Draußen wurde der Regen stärker.

Sie ging zurück ins Schlafzimmer, kniete sich vor die kleine Tür und steckte den Schlüssel ins Schloss.

Er passte sofort.

Das Klicken war leise.

Aber für Marie klang es, als hätte jemand im Haus den Atem angehalten.

Hinter der Tür lag keine geheime Treppe.

Kein verborgener Raum voller Schmuck.
Kein dramatischer Beweis für ein Verbrechen.

Nur eine schmale Kammer.

Staubig.
Kalt.
Fensterlos.

Auf dem Boden standen drei Kartons.

Auf dem obersten lag eine Wolldecke, sorgfältig gefaltet.

Marie nahm sie herunter.

Darunter lag eine Blechdose.

Rost an den Rändern.
Ein verblichenes Blumenmuster auf dem Deckel.

In der Dose lagen Briefe.

Viele Briefe.

Alle mit demselben Namen.

An Elisabeth Weber.

Elisabeth war ihre Großmutter.

Marie setzte sich auf den Boden der Kammer und nahm den obersten Brief heraus.

Der Umschlag war ungeöffnet.

Der Stempel war von 1984.

Sie nahm den nächsten.

Auch ungeöffnet.

1987.

1992.

1999.

2006.

Immer dieselbe Handschrift.

Ruhig.
Etwas rund.
Sehr sorgfältig.

Der Absender stand hinten.

Ruth Sommer.

Marie kannte keine Ruth Sommer.

Sie öffnete den ältesten Brief.

Das Papier war dünn und brüchig.

Liebe Elisabeth,

ich weiß nicht, ob du diesen Brief lesen wirst. Vielleicht schickst du ihn zurück. Vielleicht verbrennst du ihn. Vielleicht legst du ihn wieder irgendwohin, wo niemand ihn findet.

Ich schreibe trotzdem.

Nicht, weil ich dir Vorwürfe machen will.

Ich glaube, dafür bin ich müde geworden.

Ich schreibe, weil ich wissen möchte, ob du an meinem Geburtstag manchmal an mich denkst.

Marie las den Satz zweimal.

Dann den nächsten.

Ich bin jetzt zweiunddreißig. Ich habe zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen. Manchmal sehe ich meine Tochter an und frage mich, ob du mich auch einmal so angesehen hast.

Marie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Sie griff nach dem nächsten Brief.

Und nach dem nächsten.

Ruth schrieb über Jahre.

Nicht oft.

Manchmal lagen fünf Jahre zwischen zwei Briefen.

Sie schrieb von Kindern.
Von einem Umzug.
Von einer Krankheit.
Von Weihnachten.
Von dem Wunsch, nicht mehr wütend zu sein.

Und immer wieder von einem Anfang, den Marie nicht kannte.

Ich weiß, dass du damals keine Wahl hattest, stand in einem Brief.

In einem anderen:

Man hat mir gesagt, ich soll dankbar sein. Ich bin auch dankbar. Meine Eltern waren gut zu mir. Aber Dankbarkeit schließt nicht aus, dass irgendwo eine Frage offen bleibt.

Marie legte den Brief auf ihren Schoß.

Ihre Finger zitterten.

Im zweiten Karton lagen Fotos.

Ein Baby in einer weißen Decke.

Auf der Rückseite:

Ruth, drei Wochen.

Ein kleines Mädchen auf einem Dreirad.

Ruth, Sommer 1954.

Ein Kommunionsbild.

Ein Hochzeitsfoto.

Eine Frau mit dunklem Haar, die vor einem Gartentor stand und lächelte, als habe sie lange überlegt, ob sie das durfte.

Marie hielt das Foto näher ans Licht.

Die Frau hatte die Augen ihrer Mutter.

Oder eher: Ihre Mutter hatte ihre Augen.

Dunkel.
Rund.
Wach.

Marie atmete langsam aus.

Ruth war keine Bekannte gewesen.

Keine alte Freundin.

Kein Zufall.

Ruth gehörte zu ihnen.

Irgendwie.

Im dritten Karton lag ein kleines Baumwollhemd.

Vergilbt, aber sauber.

Daneben ein winziger Schuh.

Nur einer.

Und ein Dokument.

Marie faltete es auseinander.

Geburtsurkunde.

Ruth Elisabeth Weber.

Geboren am 14. März 1952.

Mutter: Elisabeth Weber.

Vater: unbekannt.

Marie las die Zeilen, bis die Buchstaben verschwammen.

Ihre Großmutter hatte ein Kind gehabt.

Vor Maries Mutter.

Ein Kind, von dem niemand je gesprochen hatte.

Marie rief ihre Mutter an.

Sie ging im Wohnzimmer auf und ab, während das Telefon klingelte.

„Ja?“

„Mama, wer ist Ruth?“

Am anderen Ende wurde es still.

Nicht verwirrt still.

Erschrocken still.

„Woher hast du diesen Namen?“

Marie schloss die Augen.

„Aus Omas Haus.“

Ihre Mutter atmete hörbar ein.

„Hast du den Schrank bewegt?“

Da wusste Marie, dass sie es gewusst hatte.

Nicht alles vielleicht.

Aber genug.

„Warum hat mir nie jemand davon erzählt?“

„Weil es nicht meine Geschichte war.“

„Aber es ist unsere Familie.“

„Marie…“

„War Ruth Omas Tochter?“

Schweigen.

Dann, sehr leise:

„Ja.“

Marie setzte sich auf die Sofakante.

„Lebt sie noch?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie kannst du das nicht wissen?“

Die Stimme ihrer Mutter wurde brüchig.

„Weil deine Großmutter es nicht wissen wollte.“

„Das stimmt doch nicht“, sagte Marie. „Sie hat alles aufgehoben. Fotos. Briefe. Den kleinen Schuh.“

Ihre Mutter sagte nichts.

Marie sah zum Schlafzimmer, zur offenen Tür hinter dem Schrank.

„Sie hat die Briefe nie geöffnet.“

„Doch“, sagte ihre Mutter.

Marie erstarrte.

„Was?“

„Nicht alle. Aber manche. Früher. Ich habe sie einmal gesehen. Sie saß in der Küche und hielt einen Brief in der Hand. Als ich reinkam, hat sie ihn schnell versteckt.“

„Warum hat sie dann nie geantwortet?“

Ihre Mutter lachte bitter.

„Weil Schuld manchmal sturer ist als Liebe.“

Marie schwieg.

Diesen Satz hätte sie ihrer Mutter nicht zugetraut.

„Was ist damals passiert?“

Am anderen Ende raschelte etwas. Vielleicht setzte ihre Mutter sich. Vielleicht suchte sie nur Halt.

„Oma war neunzehn. Nicht verheiratet. Ihr Vater war streng. Sehr streng. Der Mann, von dem sie schwanger war, ist verschwunden. Oder wurde weggeschickt, ich weiß es nicht genau. Nach der Geburt hat man ihr das Kind weggenommen. Offiziell hieß es, es sei besser so. Für alle.“

Marie presste die Lippen zusammen.

„Für alle außer Ruth.“

„Ja.“

Die Stimme ihrer Mutter brach.

„Für alle außer Ruth.“

Marie sah auf die Briefe.

Jahrzehnte in einer Dose.

Jahrzehnte voller Fragen, die nie beantwortet wurden.

„Warum hat Oma die Tür versteckt?“

„Weil sie nicht ertragen hat, es wegzuwerfen. Und nicht den Mut hatte, es anzusehen.“

Marie legte auf, nachdem ihre Mutter versprochen hatte, später vorbeizukommen.

Dann tat sie etwas, das sie nicht geplant hatte.

Sie suchte Ruth.

Erst im Internet.

Dann in alten Telefonbüchern, die ihre Großmutter tatsächlich noch im Flurschrank aufbewahrt hatte.

Ruth Sommer.

Der Name war nicht selten.

Aber eine Adresse tauchte immer wieder auf.

Ein Ort, keine Stunde entfernt.

Marie zögerte.

Man taucht nicht einfach in das Leben einer fremden Frau ein und sagt: Hallo, ich glaube, meine tote Großmutter war Ihre Mutter.

Aber vielleicht war Ruth keine fremde Frau.

Vielleicht war sie nur jemand, den man ihr zu lange vorenthalten hatte.

Am nächsten Morgen fuhr Marie los.

Sie nahm die Blechdose mit.

Nicht alle Briefe.

Nur drei.

Und das Foto des Babys.

Das Haus, vor dem sie schließlich stand, war kein Haus.

Es war ein Seniorenheim.

Ein heller Bau mit Glasfront, gepflegten Beeten und einem Eingang, der nach Desinfektionsmittel und Kaffee roch.

An der Rezeption fragte Marie nach Ruth Sommer.

Die Frau am Empfang sah auf den Bildschirm.

„Sind Sie Angehörige?“

Marie öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich.

Vielleicht hätte die Frau sie wegschicken müssen.

Vielleicht sah Marie aber so aus, als trüge sie etwas, das schwerer war als eine Besuchsanfrage.

Nach einem Telefonat durfte sie warten.

Im Aufenthaltsraum roch es nach Kuchen und alten Möbeln. Ein Fernseher lief ohne Ton. Draußen schob jemand einen Rollator über den Kiesweg.

Dann kam eine Frau herein.

Langsam.

Mit einem Stock.

Sie war alt, aber nicht klein. Ihr Rücken war gerade, ihr Blick klar.

Und sie hatte die Augen von Maries Mutter.

Marie stand auf.

„Frau Sommer?“

Die Frau blieb stehen.

„Ja.“

Marie hielt die Blechdose mit beiden Händen.

„Mein Name ist Marie. Marie Weber.“

Ruths Gesicht veränderte sich nicht sofort.

Nur ihre Hand am Stock wurde fester.

„Weber“, sagte sie.

Nicht als Frage.

Eher wie ein Wort, das sie lange nicht laut gesagt hatte.

Marie nickte.

„Elisabeth Weber war meine Großmutter.“

Ruth schloss die Augen.

Nur kurz.

Als hätte sie etwas erwartet und trotzdem nicht damit gerechnet, es noch zu erleben.

„Ist sie tot?“, fragte sie.

Marie nickte.

„Vor einer Woche.“

Ruth sah zum Fenster.

„Natürlich“, sagte sie leise.

Das Wort tat Marie weh.

„Ich habe Ihre Briefe gefunden.“

Ruth sah sie wieder an.

„Ungelesen?“

Marie wollte lügen.

Nur ein bisschen.

Aus Mitgefühl.

Aber diese Frau hatte zu lange halbe Wahrheiten bekommen.

„Die meisten ja.“

Ruth nickte.

Nicht überrascht.

„Ich dachte es mir.“

Marie stellte die Dose auf den Tisch.

„Aber sie hat alles aufgehoben.“

Ruths Blick fiel auf die Dose.

„Alles?“

Marie öffnete sie.

Sie legte das Babyfoto auf den Tisch.

Dann das kleine Hemd.
Den einzelnen Schuh.
Einen Brief.

Ruth setzte sich langsam.

Ihre Finger berührten den Schuh, als könne er zerfallen.

„Den hat sie behalten?“

Marie nickte.

Ruth nahm den Schuh in die Hand.

Er war winzig in ihren alten Fingern.

„Meine Mutter hat mir immer erzählt, ich hätte als Baby einen Schuh verloren, als sie mich bekamen“, sagte sie. „Sie meinte, das sei ein gutes Zeichen. Kinder, die einen Schuh verlieren, laufen dem Leben entgegen.“

Sie lächelte.

Aber ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich habe nie gewusst, dass der andere noch existiert.“

Marie setzte sich ihr gegenüber.

„Sie hat ihn versteckt.“

„Nein“, sagte Ruth.

Marie sah sie an.

Ruth strich über das weiche, alte Leder.

„Sie hat ihn bewahrt.“

In diesem Satz lag kein Freispruch.

Aber auch kein Hass.

Nur etwas, das Marie nicht sofort verstand.

Vielleicht war es die Müdigkeit eines ganzen Lebens.

Vielleicht Gnade.

Marie erzählte ihr alles, was sie wusste.

Vom Schrank.
Von der Tür.
Von dem Etikett am Schlüssel.

Nicht.

Ruth hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.

Als Marie fertig war, sagte Ruth:

„Ich habe sie einmal gesehen.“

Marie hielt den Atem an.

„Ihre Großmutter?“

Ruth nickte.

„Ich war zweiundzwanzig. Ich wusste damals schon ihren Namen. Meine Adoptiveltern hatten es mir gesagt, als ich volljährig wurde. Ich bin zu ihrem Haus gefahren. Ich stand auf der anderen Straßenseite.“

„Hat sie Sie gesehen?“

„Ja.“

Ruth lächelte traurig.

„Sie kam gerade vom Einkaufen. Sie blieb stehen. Ich glaube, sie wusste sofort, wer ich bin.“

„Was ist passiert?“

„Nichts.“

Das Wort fiel schwer.

„Sie hat den Korb fester gehalten. Ich habe mich nicht bewegt. Und dann ist sie ins Haus gegangen.“

Marie spürte einen Stich.

„Das tut mir leid.“

Ruth schüttelte den Kopf.

„Mir auch. Aber ich war damals stolz. Und verletzt. Ich dachte, wenn sie nicht zu mir kommt, gehe ich auch nicht zu ihr.“

Sie sah auf den kleinen Schuh.

„Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben auf zwei Straßenseiten.“

Marie dachte an ihre Großmutter.

An die verschlossene Tür.

An die ungeöffneten Briefe.

„Hätten Sie ihr verziehen?“

Ruth antwortete nicht sofort.

Draußen flog ein Vogel gegen einen kahlen Ast und setzte sich wieder.

„Ich glaube, ich habe ihr längst verziehen“, sagte sie. „Nur wusste sie es nicht.“

Marie schluckte.

„Darf ich meiner Mutter von Ihnen erzählen?“

Ruth sah sie an.

„Weiß sie von mir?“

„Ja. Aber nicht viel.“

„Dann ja.“

Sie hielt inne.

„Aber sagen Sie ihr nicht, sie müsse etwas wieder gutmachen. Kinder erben genug von den Fehlern der Erwachsenen. Sie müssen nicht auch noch ihre Schuld weitertragen.“

Marie nickte.

Eine Pflegerin brachte Kaffee.

Ruth fragte, ob Marie Zucker nehme.

Diese kleine, alltägliche Frage löste etwas in Marie aus.

Nicht die großen Enthüllungen.
Nicht die Briefe.
Nicht das versteckte Zimmer.

Sondern diese Frau, die vielleicht ihre Großtante war, vielleicht mehr, vielleicht einfach ein fehlendes Stück Familie, fragte sie, wie sie ihren Kaffee trank.

Als wäre noch Zeit für einfache Dinge.

Eine Woche später kam Maries Mutter mit.

Sie hatte die ganze Fahrt kaum gesprochen.

Vor dem Seniorenheim blieb sie im Auto sitzen, die Hände auf dem Lenkrad, obwohl Marie gefahren war.

„Was, wenn sie mich hasst?“, fragte sie.

„Dann darf sie das.“

Ihre Mutter sah sie an.

Marie nahm ihre Hand.

„Aber ich glaube nicht, dass sie das tut.“

Ruth wartete im Aufenthaltsraum.

Sie trug eine hellblaue Bluse und hatte die Haare sorgfältig frisiert.

Als Maries Mutter den Raum betrat, standen beide Frauen still.

Sie sahen sich an.

Lange.

Keine von beiden wusste, wer den ersten Schritt machen durfte.

Dann sagte Ruth:

„Du siehst ihr ähnlich.“

Maries Mutter begann zu weinen.

Nicht schön.
Nicht vorsichtig.

Sie hielt sich eine Hand vor den Mund, als schäme sie sich für die Lautstärke ihrer Trauer.

Ruth stand mühsam auf.

„Komm her“, sagte sie.

Und Maries Mutter ging.

Sie gingen einander entgegen wie zwei Menschen, die sich nicht verloren hatten, weil sie sich nie besessen hatten.

Und doch war da etwas.

Ein Band vielleicht.

Dünn.
Beschädigt.
Aber nicht gerissen.

Ruth legte die Arme um Maries Mutter.

„Ich bin nicht böse auf dich“, sagte sie.

Maries Mutter weinte an ihrer Schulter.

„Ich wusste nicht, was ich tun soll.“

„Das wussten viele nicht“, sagte Ruth leise. „Aber jetzt sind wir hier.“

Marie stand daneben und dachte an den alten Schrank.

An die Tür.

An das Etikett mit dem Wort Nicht.

Vielleicht hatte ihre Großmutter ihr ganzes Leben geglaubt, dieses Wort sei ein Schutz.

Nicht öffnen.
Nicht erinnern.
Nicht fühlen.
Nicht hoffen.

Aber am Ende war es doch geöffnet worden.

Nicht aus Neugier.

Sondern weil manche Wahrheiten irgendwann nicht mehr gegen uns arbeiten wollen.

Sondern nach Hause finden.

Im Frühling stellte Marie den Schrank nicht zurück an die Wand.

Die kleine Tür blieb sichtbar.

Sie räumte die Kammer aus, strich sie weiß und stellte ein schmales Regal hinein.

Darin lagen die Briefe.
Die Fotos.
Der kleine Schuh.

Daneben stellte Ruth den anderen.

Den, den ihre Adoptivmutter all die Jahre behalten hatte.

Zwei winzige Schuhe.

Nach siebzig Jahren wieder nebeneinander.

Als Maries Mutter sie sah, nahm sie Ruths Hand.

Niemand sagte etwas.

Manchmal ist Heilung kein großer Satz.

Manchmal sind es zwei alte Schuhe in einem Regal.

Und drei Frauen, die davorstehen und begreifen, dass Familie nicht immer da beginnt, wo alle ehrlich waren.

Sondern manchmal dort, wo endlich niemand mehr schweigt.

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Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen, Orten oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

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